biotechnologie.de 2. Januar 2017

Forscher entdecken biochemische Antistress-Schalter

Ungefähr 10% der Bundesbürger leiden unter chronischen Angststörungen. Gleich mehrere Fortschritte bei der Eingrenzung potentieller Angriffspunkte, die zur medikamentösen Behandlung genutzt werden könnten, meldeten im November deutsche und österreichische Grundlagenforscher. Den Auftakt machten Anfang November Wissenschaftler um Alon Chen, Chef des Max-Planck-Weizmann-Labors für experimentelle Neuropsychiatrie und Verhaltensneurogenetik in München und Rehovot. Sie haben eine regulatorische micro-RNA namens miR19b im Gehirn von Mäusen ausgemacht, die hilft, Stress besser zu bewältigen – und zwar indirekt: Je mehr miR19b sie fanden, desto weniger Moleküle des Adrenorezeptors beta-1 (Adrb1) wurden lokal produziert – an diesen dockt das Stresshormon Noradrenalin an. Die naheliegende Vermutung, dass die miR19b-Menge direkt Einfluss auf die Ängstlichkeit der Mäuse haben könnte, erwies sich in Experimenten aber als verkehrt. Vielmehr scheint das Molekül Stress schneller vergessen zu lassen. Auf Stresserfahrungen, die die Forscher stets durch ein akustisches Signal ankündigten, reagierten Mäuse mit mehr miR19b deutlich gelassener. 

Die genaue Lokalisierung der für Furcht- und Angstreaktionen zuständigen Zellen im erweiterten Mandelkern gelang demselben Forscherteam mit Hilfe optogenetischer Verfahren. Aktivierten sie die Zellen, verarbeiteten Versuchsmäuse traumatische Erfahrungen schneller als Artgenossen, deren Neuronen in der BNST-Region des Gehirns nicht aktiviert wurden. Nur 8% zuvor traumatisierter Mäuse mit aktivierten Neuronen entwickelten eine posttraumatische Belastungsstörung. In der Gruppe, in der die für die Angstverarbeitung relevanten Zellen inaktiviert blieben, waren es immerhin 42%. 

Mitte November meldete die Forschungsagentur FWF weiteren Fortschritt: Wissenschaftler um Ramon Tasan von der Medizinischen Universität Innsbruck hätten mit einem bisherigen Paradigma gründlich aufgeräumt, hieß es (Neuropsychopharmacology, doi: doi: 10.1016/j.npep.2016.10.005). Dachte man bisher, die angstlösende Funktion des Neuropeptids Y werde vor allem durch die Bindung an den Y1-Rezeptor vermittelt und durch Bindung an den Y2-Rezeptor wieder aufgehoben, zeigten die Wissenschaftler, dass die Bindung an den Y2-Rezeptor im Gegensatz zur bisherigen Lehrmeinung Angstreaktionen und neuerlernte Furcht quasi auslöscht. „Der Y2-Rezeptor beeinflusste in Mäusehirnen Bahnen des Mandelkerns, der bei Angstreizen Körperreaktionen wie eine Steigerung von Muskelspannung, Herzfrequenz und Blutdruck auslöst“, so Tasan. „Die Y2-Rezeptoren sind somit zentral an der Verarbeitung von Angstreizen beteiligt.“ Die Ergebnisse könnten nach Darstellung des FWF „einen entscheidenden Wendepunkt in der klinischen Entwicklung von Medikamenten gegen Angststörungen darstellen“: So könnten Y2-Rezeptoren oder eben das Neuropeptid Y geeignete Zielstrukturen für die Entwicklung neuer Medikamente sein.